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Queer durch Hollywoord in Regenbogensocken – Top 10 LGBT Filme

08 Jun 2021 | 0 Kommentare | über Many Mornings

Kino kann ein Instrument der gesellschaftlichen Emanzipation sein. Vor allem, wenn es nicht nur vorgibt, gelungene Unterhaltung zu sein, sondern auch echte Kunst darin steckt. Denn Kunst antizipiert soziologische Veränderungen und gilt als Vorausschau auf die Realität. LGBT Filme und solche, die der LGBT+ Community gewidmet sind, gibt es bereits seit einigen Jahrzehnten. Ein Ranking der besten Filmklassiker aus diesem Bereich ist eine schwierige Aufgabe.

Many Mornings versucht sich trotzdem die richtige Mischung aus künstlerischer Qualität, gesellschaftlicher Bedeutung und erzählerischem Mut zu untersuchen. Während LGBT Filme Netflix und Amazon Prime Nutzer nur im Pride Month Juni zu überzeugen scheinen, schlüpfen wir in Over The Rainbow und machen es uns an vielen weiteren Abend bequem. Das Durchbrechen gewohnter Muster ist weder in der Sockenproduktion, noch im Alltag ein einfaches Unterfangen.

Der Durchbruch gelingt dabei meistens im Arthouse, damit sich ein Verhaltensmuster erst im Mainstream und später in der gesellschaftlichen Praxis verankert. Künstlerische Qualität und politischer Druck gehen hier Hand in hand, um mit Symbolkraft Druck auszuüben und die Gegenwart sowie die Zukunft zu verändern. Dabei denken wir an Boykotts der Oscar-Verleihung, die Me-Too-Bewegung, feministische Akzente in DC- und Marvel-Superhelden-Filmen. Wer die Branche verändert, verändert die Gesellschaft. Wenn die Meeresströmung dreht, beginnt dies jedoch beim Urpsrung, den Low-Budget-Produktionen. Später folgen Festivals in Venedig und Berlin bis schließlich auch Sundance und Cannes aufmerksam werden. Den Wandel der 1990er und 2000er Jahre in der Filmindustrie haben wir in unserem Ranking der Top 10 LGBT Filme festgehalten. Während wir in Socken mit Kunstmotiven schlüpfen, finden kein Weg an diesen Jahrzehnten vorbei. Ein wenig Frischluft lassen wir trotzdem an die Zehen.
Vor allem im zweiten Teil des Rankings haben wir versucht, auch etwas unbekanntere Titel zu würdigen. Einige, weil sie wahren Mut beweisen, andere weil sie ohne Scham Licht ins Dunkel bringen.

1. La mala educación – Schlechte Erziehung (Pedro Almodóvar, 2004)
2. My Private Idaho – Das Ende der Unschuld (Gus van Sant, 1991)
3. Laurence Anyways (Xavier Dolan, 2012)
4. Engel in Amerika (Mike Nichols, 2003)
5. Blau ist eine warme Farbe (Abdellatif Kechiche, 2013)
6. Der Fremde am See (Alain Guiraudie, 2013)
7. Beginners (Mike Mills, 2010)
8. The Kids Are All Right (Lisa Cholodenko, 2010)
9. Brokeback Mountain (Ang Lee, 2005)
10. Freier Fall (Stephan Lacant, 2013)

Der letzte Titel im Ranking der Top 10 LGBT Filme hielt sich am letzten Strohhalm, denn die Konkurrenz für einen Platz war groß. Ohne Zweifel greift der deutsche Film Freier Fall den Zeitgeist eindrucksvoll auf. Das Porträt eines gestandenen Polizeibeamten, dessen gutbürgerliches Leben erfolgreich in eher konservativen, heterosexuellen Sphären verläuft, gerät durch ungeahnte Emotionen für einen männlichen Kollegen aus den Bahnen. Stephan Lacant hat den gesellschaftlichen Wandel mit seinen Charakteren eindrucksvoll eingefangen. Eine bessere Platzierung wäre drin gewesen. Doch die fehlende Idee für subversive Spielchen führte dazu, das Ranking der besten LGBT Filme anzupassen. Der u.a. mit dem Deutschen Filmpreis 2014 gekrönte Spielfilm weicht einer ikonischen Hollywood-Romanze, die in Wyoming spielt: Brokeback Mountain. Der Neo-Western war zu Erscheinungszeiten Zündstoff für kontroverse Diskussionen in einem bis dato hyperheterosexuellen Genre, das nur starke Cowboys wie Old Shatterhand kannte…

Das Melodrama Ungehorsam (Sebastian Lélio, 2017) hat es nicht in unsere Auflistung geschafft. Der Konflikt zwischen orthodoxen Prinzipien des Jugentums und lesbischer Liebe kommt eher vorhersehbar und vergleichsweise langweilig daher.
Monotheistische Religionen stehen in besonderem Maße auf Kriegsfuß mit Abweichungen von der Heteronorm, doch leider hat Regisseur Sebastián Lelio dieses Territorium nicht überzeugend entdeckt. Im Atemzug dieser überspielenden Dramen, die es nicht in unsere Top 10 schafften, gehört auch ein Werk mit einem der heißesten Stars der 2010er Jahre Timothée Chalamet. Das Engagement des Jungschauspielers reicht allerdings nicht aus, um narzisstische Vorstellungen Goethes in einem toskanischen Dorf voller Künstler*innen und Intellektueller auszulöschen. Nicht jeder Film ist für eine Adaption geeignet.

LGBT Filme mit Almodopride – Stolz eines Meisters

La mala educación – Schlechte Erziehung ist ein Diamant des spanischen Meisters, dass sich im DVD-Regal zwischen zitternden Körpern und “Volver” versteckt. In vielerlei Hinsicht haben wir es bei diesem LGBT Film mit einem typischen Almodrama zu tun, das sich jedoch über leise Halbtöne inszeniert. So kann das Werk von den berühmtesten Filmen des Regisseurs unterschieden werden. Dieser Film gilt streng genommen nicht als Kino, das zum Nachdenken anregt. Die südeuropäische Note lässt die Nuancen einer Tragödie nicht so oft durchblicken: Wehklagen und Schreien. Vielmehr hört man den unnachgiebig traurigen Sopran eines kleinen jungen, der in einer katholischen Schule diszipliniert und nicht nur seelisch verwundet wird. Der Erzählstrang führt auch zu einer Reduzierung der intensiven Exzesse des almodovarischen Kinos. Man erkennt viele Kontraste, wie das Spiel mit sattem Rot der Sonnenliegen und tiefblauem Wasser, er verzichtet aber darauf zu viel Testosteron in diesen Film zu pumpen. Manchmal rückt er die Schauspieler lieber in den Hintergrund, um sie dann in diesem LGBT Film mit großen Emotionen aus ihrem Versteck zu holen. Obwohl es ein queerer Film ist, hat er keine Tendenzen zur Übertreibung. Es ist ein Drama, kein Spektakel; es ist kein Theater des Lebens, sondern rein menschliche Liebe, aber auch Hass.

Vorteile für das Publikum, das in bunten Socken versammelt ist (vielleicht manchmal ein bisschen voreingenommen), sind auf das Filmen der Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen der spanischen und der polnischen – dem Unternehmens- und Produktionsstandort von Many Mornings – Realität zurückzuführen. La mala educación – Schlechte Erziehung greift viele Probleme auf, die gerade in Polen, aber auch im deutschsprachigen Raum, aktuell sind: Pädophilie-Verbrechen der katholischen Kirche. Die polnische und spanische Religion haben viele Gemeinsamkeiten, die auf einer gleichen Liturgie beruhen. Bevor alle mit Stolz zeigen können, wer man tief in sich ist, müssen gewisse Hürden überwunden werden: Scham, Schuld und Verleugnung. Obwohl die gemeinsamen katholischen Elemente in diesen zwei EU-Staaten Ähnlichkeiten haben, entfaltet sich die Kraft der Unterdrückung der LGBT+ Community totalitärer in Osteuropa nahe der Weichsel.

Freiheit den LGBT Filmen des Mittleren Westens

Der Independence Day steht besonders im Zeichen von Freiheit und Rechtsstaatlichkeit – es ist der wichtigste Feiertag in den USA. Die eben genannten Werte zählen vor allem auf den Küstenseiten, vor allem in den Metropolen New York City und Los Angeles. Im Mittleren Westen findet sich eine Mischung aus Viehzüchtern und sog. “White Trash” (dt. Weißer Abschaum), die ihre eigenen Wege finden mussten, um Vielfalt zu feiern. Hinweise dazu liefert der Regisseur Gus van Sant. Dieser begabte Mann aus Oregon beschloss, Socken zum Anzug zu tragen, und damit auf kontrollierte Exzentrik zu setzen. Diese neuen Fäden und Muster wurden seitdem auch in der großen, konservativen Erzählung des Wilden Westens sichtbar.

Einerseits hat van Sant – My Private Idaho – Das Ende der Unschuld ist da keine Ausnahme – eine poetische Schwäche für die Darstellung atemberaubender, melancholischer amerikanischer Landschaften. Ein wichtiges Thema in seinen Filmen ist der Konflikt zwischen Mensch und [seiner] Natur. In der Vorstellung des Regisseurs explodieren einsame Holzhäuser inmitten malerischer Landschaften – also überwältigende Entfremdung und erstickende Zugehörigkeit. Destruktive Tendenzen können jedoch auch zu schönen Porträts von Ausgestoßenen sublimieren. Dies ist die andere Seite von LGBT Film auf Platz 2: Freigeister, queere Obdachlose mit eigenem Wertekodex, ewige Reisende auf dem Weg ins Nirwana. An der Schwelle zur HIV-Panik erzählt der amerikanische Regisseur eine Baudelaire-artige Geschichte einer Hippie-Gemeinde voller Freaks. Homosexuelle Prostituierte sind nicht nur und nicht in erster Linie Opfer von Gewalt, sondern der Puls der Städte, Regenbogen-Energie, Flaneure der 90er. Die Protagonisten sind wie Forellen aus Filmbildern: Sie gehen dem selbstzerstörerischen Rausch des Lebens voll ins Ohr – so tragisch und doch so schön! Obdachlosigkeit und Prostitution sind nach wie vor aktuelle Themen in der LGBT+ Community, obwohl sie in My Private Idaho – Das Ende der Unschuld recht „abenteuerlich“ behandelt werden.

Gus van Sant setzt die Gesetze eines neuen, eigenständigen Genres des Autorenkinos um, das wir den “schwulen Film im amerikanischen Stil” nennen könnten. Dies ist eine besondere Vielfalt des Genrekinos: eine Mischung aus Abenteuerfilmen und Roadmovies (voller Landschaften und Farben, die typisch für die Staaten im Mittleren Westen der USA sind). Darüber hinaus verwendet der Regisseur in My Private Idaho – Das Ende der Unschuld oft theatralische Konventionen: betonte Dialoge, eine bizarre Shakespeare-Phrase und ironische Umrahmung (z. B. der schwule Piet mit Keanu Reavs als Mutter Gottes). Trotz des Fehlens visueller Übertreibung werden die Manieren von einem bekannten Analysewerkzeug bedient. Alles hier ist ein formelles Verfahren; selbst Sex ist kein fließender Gefühlsfluss, sondern besteht aus zusammengesetzten Sequenzen aus statischen, mechanischen Bildern und Tönen. Der große künstlerische Ehrgeiz des Regisseurs dieses LGBT Films lässt eine gewisse Unmittelbarkeit zu, die die Figuren wie Marionetten bewegt. War dies die Geschichte einer der Hauptrollen von River Phoenix, der am Idaho-Set opiatabhängig wurde und kurz nach der Premiere eine Überdosis nahm?

Wie mache ich ein dreistündiges Musikvideo?

Wie macht man ein dreistündiges Musikvideo, ohne dass Langeweile beim Schauen aufkommt? Die Antwort auf diese Frage ist dem Regisseur – dem Kanadier Xavier Dolan – bestens bekannt. Kritiker schwärmen von seinen Porträts jugendlicher Narzissten in seinen früheren Werken (u.a. Herzensbrecher), aber unserer Meinung nach verdient der temperamentvolle Laurence Anyways einen Platz in unserem Ranking der Top 10 LGBT Filme. Der Dreistünder setzt auf die Stärken der bereits genannten Filme, wenn man an Synästhesie der Geometrie von Bild und Ton denkt. Dolan ist in der Tat ein etwas narzisstischer Ästhet, der oft einstudierte kurze Szenen ohne klaren narrativen Zweck verwendet (tatsächlich könnte jede von ihnen unabhängig sein, da sie keine absolute stilistische Kontinuität aufweisen). Und doch hat dieses Werk so viel Charme! Ungewohnte Kamerafahrten, statische Nahaufnahmen wie aus einer Amateur-VHS, Präzision in der Farbkomposition in jeder der Aufnahmen – all das scheint nur ein Bestandteil jugendlichen Spaßes zu sein, der vor kreativer Energie strotzt. Der kanadische Regisseur tritt hier als jüngere Version von Almodovar auf, dessen formale Fesseln entfernt wurden. Ein Kind einer stressfreien Erziehung, das alles machen darf, lässt unnötige Gesten und Requisiten überrepräsentieren. Die Zigaretten sind Nachbilder der französischen New Wave, romantische Liebe wie Hollywood – Liebe zum Kino selbst!

Auf diese aufdringliche Art, die manche lieben und andere hassen, ist Dolan sehr fotografisch unterwegs – im Sinne von Instagram. Künstlerische Kulissen und originelle Kostüme, die der Künstler selbst entworfen hat, schaffen ein Musikvideo, reich an bezaubernden Bildern. Popkultur-Pointe in Form einer musikalischen Ergänzung (der Kanadier scheint im Zeichen von The Knife in skandinavische Klänge verliebt zu sein) oder einem Poster mit Audrey Hepburn, ist eine Berufung in das Filmleben von Ikonen einer Generation. Hinter dieser Fassade taucht aber auch der eigentliche Inhalt von Laurence Anyways auf, also eine Geschichte über Identität und die Suche nach sich selbst. Es ist ein Thema, das dem Regisseur am Herzen liegt – was vielleicht am auffälligsten ist, wenn eine Ästhetin zur Sentimentalistin wird und sich naive Behandlungen erlaubt (ein Spiegelbild ihres Gesichts in einem leeren Glas Wein). Das dreistündige Musikvideo von Dolan führt eine wichtige transsexuelle Komponente in unser Ranking ein. Unserer Meinung nach sieht der Film genauso aus, wie er sein sollte. Er ist ein wenig chaotisch, ein wenig narzisstisch, aber vor allem voller ungestörter Freude!

Ausmaße des moralischen Missbrauchs vs. Kinsey-Skala

Engel in Amerika ist ein Mini-Serienformat, dem wir nicht widerstehen konnten. So schmückt dieser außergewöhnliche Titel das Ranking der besten LGBT Filme. Es ist in vielerlei Hinsicht ein perfektes Epos – ein Querschnitt des Stimmungsbildes in den USA in Bezug auf die HIV-Epidemie. Von der Theaterbühne auf die Filmsprache übertragen, verlor die Inszenierung nichts von ihrer Ausdruckskraft und verstärkte durch virtuoses Schauspiel sogar die emotionale Kraft. Es sind die Darsteller der Hauptrollen, die das zentrale Element der Handlung sind – für sie möchte der Zuschauer unter ständigem Applaus die Hände falten (zumindest wenn er gerade nicht weint). Al Pacino, der die legendäre Figur des Roy Cohn darstellt, bedient sich eines ganzen Repertoires an schauspielerischen Gesten und Ideen – das Ausmaß der Heuchelei ohne Reue belastet unser Gerechtigkeitsempfinden sehr. Begleitet wird es von einem Engelschor unter der Leitung der zuverlässigen Meryl Streep, aber auch von gewagten Rollen: Patrick Wilson, Jeffrey Wright, Justin Kirk und Mary-Louise Parker. Besonders eklatante Beispiele für sozialen und religiösen Druck (2+ für einen homosexuellen Mormonen!) Die Psyche der Helden ist so dauerhaft stigmatisiert wie die Angst vor dem Tod durch AIDS.

Regisseur Mike Nichols verwendet manchmal Genre-gerechte Ausdrucksmittel, spezialisiert sich aber vor allem auf ein soziales Querschnittsporträt zu einer Zeit, als der Kampf um LGBT+-Rechte noch einige Schritte hinterherhinkte. Homosexuelle wurden beschuldigt, die Epidemie verursacht zu haben und an den Pranger gestellt. Der typische Sündenbock-Mechanismus, als wenn er aus René Girards Buch zum Leben erweckt wurde, vermischt sich traurigerweise mit Wahrheit und Fantasie in einem brodelnden Kessel. Eine größere Hexenjagd hat es in der Neuzeit kaum gegeben! Es lohnt sich auf jeden Fall, jede Sekunde vor dem Bildschirm mitzuerleben und sich Notizen zu machen, wie man die Zukunft beeinflussen kann – um aus dem Teufelskreis zerstörerischer sozialer Rituale herauszukommen.

Lust auf das Kino der Identität

Blau ist eine warme Farbe ist einer der populärsten Titel in unserem Ranking der besten LGBT Filme. Das Werk wurde in Cannes mit der Palme d’Or ausgezeichnet. Aus unserer Sicht wurden die Lorbeeren zu Recht vergeben. Der Film hat eine elegante Verteilung fiktiver Vorteile in der Hand, angeführt von zwei Assen in Form einer großartigen Kreation von Intimität und einem Sinn für Erotik und Körperschönheit. Aus einem anderen Blickwinkel betrachtet – und das erklärt nur den fünften Platz in diesem Ranking – ist das Thema jedoch nicht mehr so ​​frisch wie zum Zeitpunkt seiner Premiere. Man kann erkennen, dass dies Kino von vor mehr als einem Jahrzehnt ist, wie eine Erinnerung an Lykke Li (deren Lieder den Filmsoundtrack schmücken) – schöner Film und coole Lieder, aber im Grunde, wer erinnert sich heute noch daran?

Wir haben jedoch keinen Zweifel, dass Blau ist eine warme Farbe ein sehr sinnlicher Film ist – und das nicht nur in sexueller Hinsicht. Natürlich ist Kechiche in den weiblichen Körper verliebt, was ihn auf die Level mit Akt-Dichtern bringt. Außerdem mangelt es ihm nicht an Mut bei der Wahl erotischer Themen: von der Selbstbefriedigung bis zum Querschnitt sexueller Stellungen, die er nicht nach Hollywood-Manier (also als würde er einen Actionfilm drehen) zusammenstellt. Sein Blick ist aufmerksam, keineswegs voyeuristisch, sondern präzise – liebevoll. Neben Sex ist auch Essen eine ständig sprudelnde Quelle der Sinnlichkeit. Man sieht Kebabs auf dem Bildschirm, leckere Spaghetti und Gesichter mit Soße verschmiert, wir haben keinen Zweifel daran, dass man während dem Schauen Socken mit Essen tragen sollte. Kulinarik ist hier ein treuer Begleiter der Emotionen: Traurigkeit nach einer Trennung, Aufregung beim ersten Date. Blau ist eine warme Farbe ist ein wahres Kinofest.

Die nächsten Stufen der künstlerischen Faszination des Regisseurs sind zweifellos Jugend und Unschuld. Die reifende Persönlichkeit – in Erwartung der Identität – ist das eigentliche Thema des Werkes, signalisiert durch die mantra-wiederholten Rahmen über die Mädchenzeit (Schlafen mit geöffneten Lippen, mit einem Rinnsal Speichel auf dem Kissen). Das Mittel zur Darstellung der Unschuld ist eine Art Gesichtspoesie oder – um es (laut Film) von Sartre zu zitieren: „die mysteriöse Schwäche des menschlichen Gesichts“. Der Existentialismus, so Kechiche, war bis vor einigen Jahrzehnten eine Generationenbefreiung und brachte auch emanzipatorische Bewegungen auf der Grundlage sexueller Orientierung und Geschlechtsidentität ein höher Maß an Freiheit. Die Frage, wer heute der Sartre des 21. Jahrhunderts ist, bleibt leider unbeantwortet.

Das obige Zitat des französischen Philosophen ist im Allgemeinen ein interessanter Hinweis. Die Filme mit homosexuellen Held*innen – und Blau ist eine warme Farbe ist keine Ausnahme – sind sehr lehrreich. Einerseits sehr beeindruckend und inspirierend, andererseits aber auch von einer Art Verfälschung gesäumt. Es ist ja nicht so, dass Schwule und Lesben unter den Studierenden der Akademie der Bildenden Künste überrepräsentiert sind. Sie müssen keine blauen Haare haben, um das Verlangen bei Mitgliedern des gleichen Geschlechts zu finden. Inzwischen kommen Filme dieser Art nicht ohne zumindest einige Erwähnungen von Gustav Klimt oder Egon Schiele aus. Standard! Kaum (aber trotzdem!) kommt Kechiche unbeschadet aus dieser Situation und weist der Protagonistin den Beruf der Normalen zu: Adele ist Erzieherin. Wenn der Gewinner der Goldenen Palme also seine Ohren für kritische Stimmen öffnet, lasst ihn wissen, dass wir noch mehr Lesben unter Vorschulkindern, Kassierern, Buchhaltern, Friseuren usw. sehen möchten.

Blau ist eine warme Farbe thematisiert das Schicksal – vielleicht auch im Hinblick auf die sexuelle Orientierung – stark als polemische Stimme für alle Prediger, die Homosexualität heilen und ihre angeborenen Triebe hinterfragen wollen. Coming-out scheint in diesem Zusammenhang, wie auch in der im Film zitierten Anspielung auf die Antigone, der zweifelhafte und reuevolle Tod der bisherigen Persönlichkeit und die Geburt der Freiheit zu sein. Selbstidentifikation ist die Befreiung von einem inneren Kampf, der nicht gewonnen werden kann (und sollte). Lasse diese Töne in Kechiches Melodie ein Vorbote einer neuen, d.h. normalisierenden LGBT+-Erzählung sein, fernab von Avantgarde und künstlerischer Extravaganz.

Unser Ranking der besten LGBT Filme erfordert noch einen kurzen Kommentar zu Plätzen außerhalb der Top 5. Ausschlaggebend für uns war nicht nur die künstlerische Qualität, sondern vor allem die subversiven Taktiken oder interessanten Fäden, die wir als förderlich für eine immer buntere Atmosphäre in der Welt identifizieren. Und so sticht Der Fremde am See heraus, indem er mit der Genrekonvention spielt, aber vor allem schamlos (und zu Recht!) das Tabu bricht, männliche Mitglieder auf der Leinwand zu zeigen. Bisher war das Filmen eines nackten weiblichen Körpers erlaubt, doch die männliche Sexualität wartete immer hinter dem Vorhang – eine Verschwörung des Schweigens. Der französische Film durchbricht diesen Schleier schonungslos. Andererseits spricht The Kids Are All Right unprätentiös von einer nicht heteronormativen Familie. In dieser Ausgabe ist ein lesbisches Paar, das Kinder erzieht, kein Freak, sondern ein Gemeinplatz voller einfacher Probleme und schwieriger Emotionen. Und bei Beginners ist die Sache denkbar einfach – der Film zähmt die (Homo-)Sexualität älterer Menschen. Wir hoffen, dass die LGBT+ Community volle Rechte und Akzeptanz gewinnt, bevor wir selbst Senioren werden…

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